Zündfunke, 28.01.15

Diakon Bertram Bolz, Deutschsprachige Kath. Gemeinde in Puerto de la Cruz
Heute vor siebzig Jahren ist das KZ Auschwitz befreit worden. „Gott sei Dank“ endlich befreit worden, möchte man sagen, nachdem dort Millionen Menschen gequält und ermordet wurden. Aber meistens sagt man ja nicht „Gott sei Dank“, wenn man an Auschwitz denkt. Im Gegenteil. Meistens sagt man mit vorwurfsvollem Unterton: „Wie konnte Gott so etwas wie Auschwitz überhaupt zulassen?“ Und manche gehen noch weiter und ziehen die schrecklichen Bilder von damals zu der mehr als deutlichen Aussage heran: „Auschwitz ist der Beweis dafür, dass es überhaupt keinen Gott gibt.“ Das wiederum glaube ich nicht. Ich glaube nicht, dass Auschwitz ein Beweis gegen Gott ist. Aber dieses berühmt-berüchtigte KZ zeigt ganz deutlich, was für ein Gott unser Gott ist – und was er mit uns und mit dieser Welt riskiert.
Ich glaube, dass Gott die Gräueltaten von Auschwitz hätte verhindern können. Ich glaube auch, dass er dazu genug Macht hatte und genug Liebe auch. Ich bin auch davon überzeugt, dass er das unsägliche Leid der Opfer hätte verhindern können. Aber: Er hat es nicht getan. Deshalb ist unterlassene Hilfeleistung das mindeste, was man ihm vorwerfen kann – oder auch Beihilfe zum Mord. Und das übrigens nicht zum ersten Mal. Denn das scheint doch ganz typisch für diesen Gott zu sein, dass er menschliche Grausamkeit nicht verhindert.
Am deutlichsten wird das für mich bei Jesus: Der, der wohl wie kein anderer die Liebe und den Schutz Gottes verdient gehabt hätte, der wird verhöhnt und verspottet, gequält und gefoltert – schlussendlich ans Kreuz genagelt. Und Gott lässt es zu! Jesus betet um Gottes Beistand – nein, er schreit an diesem Kreuzbalken um Hilfe. Aber Gott bleibt unsichtbar und stumm – und Jesus stirbt.
Das ist typisch! Gott greift nicht mit donnernder Faust vom Himmel ein, wenn Menschen anders handeln und anders behandelt werden, als Gott es eigentlich will und angedacht hat. Ja, Gott nimmt es hin, dass seine Wünsche missachtet werden; er lässt es zu, dass seine Gebote vernachlässigt werden. Er riskiert es, sich lächerlich zu machen, und vor allen Menschen, den Menschen ganzer Generationen und Nationen als schwach und hilflos, als macht- und sinnlos zu wirken. Und was noch schlimmer ist: Gott riskiert bei all dem, dass Menschen, die durchaus an ihn glauben, an ihm verzweifeln. Und warum das alles?
Meiner Ansicht nach gibt es dafür nur einen einzigen Grund: Gott will, dass wir frei sind. Gott will, dass wir uns frei entscheiden und nicht wie Marionetten an himmlischen Fäden zappeln. Und dafür nimmt er durchaus das Risiko in Kauf, dass wir uns gegen ihn entscheiden. Ja schlimmer noch: Dass wir uns gegen die Menschlichkeit entscheiden. Mir ist schon oft durch den Kopf gegangen, nicht nur angesichts des heutigen Gedenktages der Opfer des Nationalsozialismus, nicht nur angesichts der Opfer von Krieg und Gewalt in unseren Tagen, dass uns Gott mit dieser Freiheit vielleicht doch überfordert. Aber: Ich hoffe es nicht!!

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